Fertigstellung des Hochwasserrückhaltebeckens im Reichenbach

Zehn Jahre, von der Planung zur Genehmigung, bei Gesamtkosten von etwa 4,5 Mio. Euro, führten zu zwei Jahren Bauzeit, während dieser 10.000 m² Baufeld geräumt, 35.000 m³ Erde bewegt, 250 Tonnen Bewehrungsstahl mit 1.700 m³ Beton umschlossen und somit knapp 100.000 m³ Speicherraum geschaffen wurden.

Das Hochwasserrückhaltebecken im Reichenbachtal
Das Hochwasserrückhaltebecken im Reichenbachtal

Das Ergebnis: Eine Hochwasserschutzanlage, die den Ortskern rund um den Reichenbach vor Hochwässern, die statistisch nur alle 100 Jahre auftreten, schützt. Neben der Tieferlegung der Fils, konnte nun mit der Errichtung des Rückhaltebeckens ein elementarer als auch nachhaltiger Baustein innerhalb der örtlichen Hochwasser- und Daseinsvorsorge geschaffen werden.

Das Jahr 2007 wird vielen Reichenbacherinnen und Reichenbachern aufgrund des verheerenden Hochwassers, das sich über den gesamten Ortskern rund um das Rathaus in Richtung Bahnhof ausbreitete, noch in Erinnerung sein. Eine damals über Baltmannsweiler befindliche Gewitterzelle brachte durch extreme Niederschlagsintensität den Reichenbach zum Überborden, da sich dessen Einzugsgebiet u. a. über die Talhänge des Schurwaldes speist. Schnell war klar, dass ein nachhaltiger Hochwasserschutz zur Vermeidung weiterer solcher Ereignisse nur über eine Gesamtbetrachtung der Ortslage im Rahmen einer Hochwasserschutzkonzeptionierung möglich ist. Im gleichen Jahr noch wurden deshalb die ingenieurtechnischen Leistungen zur Erstellung einer Flussgebietsuntersuchung (FGU)beauftragt, die als Grundlage für alle weiteren Planungsziele diente. Erstmals waren auch verlässliche Softwarelösungen zur hochkomplexen Simulation von Überflutungsmodellen verfüg- und einsetzbar, sodass mit der Fertigstellung der FGU die gezielte Planung von Maßnahmen auf den erforderlichen Schutzgrad hin möglich war.

Innerhalb der darauffolgenden ersten Planungsphase zwischen Gemeinderat, Verwaltung, Planer und Beteiligung der Öffentlichkeit, konnte eine Vorzugsvariante erarbeitet werden. Diese sah die Herstellung eines Rückhaltebeckens im Bereich des Reichenbachtals, zwischen Reichenbach und Lichtenwald, vor. Die endgültige Genehmigung im Zuge des erforderlichen Planfeststellungsverfahrens sollte jedoch noch weitere neun Jahre auf sich warten lassen. Für außenstehende Beobachter kaum nachvollziehbar, ist diese Dauer charakteristisch für solche Genehmigungsverfahren (vgl. zum Beispiel Elb-Vertiefung: 2002 – bis heute laufend). Grund hierfür sind zahlreiche Überschneidungen von Spannungsfeldern und Betroffenheiten, die im Zuge eines zeitintensiven Abwägungsprozesses berücksichtigt und im Konflikt der unterschiedlichen Belange und Interessen in Einklang gebracht werden müssen. So sind beispielsweise die Ökologie und der Naturschutz in den Auswirkungen der Planung zu beurteilen und durch geeignete Maßnahmen auszugleichen – Voraussetzung sind hierzu umfangreiche Untersuchungen und Prüfungen, die sich zum Teil über viele Monate erstrecken.  Doch der hohe Einsatz aller Beteiligten zahlte sich aus und Ende 2017 konnte der Planfeststellungs- und Förderbescheid entgegengenommen werden. Die eigentliche Umsetzung, die vom Land Baden-Württemberg mit 70 % gefördert wird, nahm schlussendlich „nur“ noch 2 Jahre in der Projekthistorie in Anspruch. Nach dem Baubeginn im Mai 2018, ist die Hochwasserschutzanlage nun vollständig fertiggestellt worden. Dank der konstruktiven und vertrauensvollen Zusammenarbeiten aller Beteiligten, konnte nun ein elementarer Grundstein des kommunalen Hochwasserschutzes gelegt und fertiggestellt werden.

Überblick über die Anlage sowie deren Funktionsweise und Entstehung

Funktionsweise der Anlage:
Beim nun errichteten Hochwasserrückhaltebecken handelt es sich um eine gesteuerte, zweizügige Anlage ohne Dauerstau. Dies bedeutet, dass sich nur im Hochwasserfall ein kurzzeitiger Stausee zur Wasserrückhaltung  und verzögerten Abgabe (Retention) bildet. Die Zweizügigkeit ist durch ein Öko-Durchlassgerinne und einem Betriebsauslass geprägt, die nur in Zusammenspiel mit der automatischen Steuerung (SPS-Steuerung) betrieben werden können. Die beiden Gerinne durchfließen hierbei das Durchlassbauwerk und können jeweils durch sogenannte Roll-Schütze unabhängig voneinander geöffnet, geschlossen oder in eine Zwischenstellung gebracht werden.
Setzt ein Hochwasserfall ein, wird durch Messgeräte der Wasserstand ermittelt. Wurde eine bestimmte Höhe erreicht, schließt sich das Schütz am Öko-Gerinne. Dieses bildet den natürlichen Gewässerlauf des Reichenbachs ab und ist somit für alle Lebewesen wie Fische, Krebse oder Makrozoobenthos (Kleinstlebewesen) durchwanderbar. Mit Schließen des Ökogerinnes wird dieses durch den erhöhten Hochwasserabfluss vor Erosion und Abschwemmung geschützt. Stattdessen wird der Betriebsdurchlass für den weiteren Abfluss geöffnet. Durch jeweilige Anpassung der Schützhöhe wird im gesamten Hochwasserverlauf eine gleichmäßig abfließende Wassermenge, der so genannte Betriebsabfluss, sichergestellt. Mithilfe der Steuerung kann mit einem vergleichsweisen kleinen Speicherraum eine maximal mögliche Rückhaltung erzielt werden.   

Bauablauf:
Das Hochwasserrückhaltebecken, genauer gesagt das maßgebliche Durchlassbauwerk und der Dammkörper, wurden zur bestmöglichen Nutzung der Topographie als Rückhalteraum zwischen zwei Talflanken erstellt. Da die Fläche vorwiegend Naturraum umfasst, war eine Rodung in der Vegetationsfreien Zeit zur Bauvorbereitung notwendig. Diese wird durch lokale Ersatzpflanzungen im kommenden Herbst kompensiert.
Im Anschluss konnte das für das Durchlassbauwerk und den Dammkörper erforderliche Baufeld freigemacht werden. Dies umfasste vor allem den Oberbodenabtrag, der seitlich gelagert und am Ende zur Humusierung des Dammes und der restlichen Flächen wieder genutzt werden konnte und die für die Baustelle notwendige temporäre Umverlegung des Gewässerlaufes durch Herstellen eines Umgehungsgerinnes.
Den zeitlich größten Faktor nahm der anknüpfende Stahlbetonbau des Durchlassbauwerkes in Anspruch. Insgesamt besteht das Bauwerk aus 37 aufeinander aufbauenden Betonierabschnitten. Von der Bodenplatte angefangen, über die Wände, Staubalken und Maschinenkammern, wurde jeder Abschnitt einzeln bewehrt, geschalt und betoniert.

Mit Herstellung der Brückentafel im Juli 2019, wurde das Durchlassbauwerk fertiggestellt. Das nachfolgende Luftbild gibt einen eindrucksvollen Maßstab der Anlage. Auch das seitlich umlaufende Umgehungsgerinne lässt sich dabei gut erkennen.
Der anschließende Dammbau erfolgte zweistufig, da es sich um einen so genannten 2-Zonen-Damm handelt. Hierzu wurde zunächst der Stützkörper und auf diesen aufbauend der Dichtkörper seitlich des Durchlassbauwerkes bis zu den Talflanken hin eingebaut. Beide Zonen aus Bodenmaterial bestehend, unterscheiden sich diese jedoch maßgeblich in der Bindigkeit und Zusammensetzung. Der Dichtkörper sorgt im späteren Betrieb dafür, dass das aufgestaute Wasser nicht in den Boden eindringen und somit den Damm durchströmen kann. Der Stützkörper wiederum sorgt für die statische Stabilität und Standsicherheit.

Mit Abschluss der Dammarbeiten im Februar dieses Jahres, wurde der Anlage durch den nachfolgenden Einbau der so genannten elektronischen Mess- Steuer- und Regeltechnik (EMSR) „Leben“ eingehaucht. Sie ist maßgeblich für die Funktionsweise und den sicheren Betrieb der Hochwasserschutzanlage verantwortlich und wurde an die örtlichen Anforderungen eigens programmiert. Diese Steuerung wird durch vier unabhängig voneinander arbeitenden Sensoren bzw. Messeinheiten (zwei Radarpegel, zwei Druckpegel), die jeweils vor und hinter dem Durchlassbauwerk an Wandgestängen, zusammen mit Kamera und Beleuchtungsvorrichtungen, angebracht sind, mit den erforderlichen Messwerten gespeist. Beherbergt wird die Steuereinheit im Betriebsgebäude der Anlage. Sollte bei einem Hochwasser gleichzeitig auch ein Stromausfall drohen, kann die Anlage unabhängig hiervon mit Hilfe eines Notstromaggregats, das ebenfalls hier untergebracht ist, problemlos für mehrere Tage in Regelbetrieb weiterlaufen. Davon abgesehen, ist ein Handbetrieb immer möglich.

Betrieb der Anlage:
Das Hochwasserrückhaltebecken wird nun vom Ortsbauamt Betrieben. Hierbei  unterstützt der Zweckverband Bauhof Reichenbach-Hochdorf mit der Bereitstellung von Stauwärtern sowie Extern mit der regelmäßigen Prüfung und Wartung der Betriebstechnik. Die Anlage ist an ein übergeordnetes Prozessleitsystem angeschlossen und kann somit fernüberwacht werden. Zudem werden alle Alarm- und Störungsmeldungen (wenn beispielsweise ein Messwert unplausibel ist) direkt an die Betriebsleitung und die Stauwärter übermittelt. Auch wenn die Anlage im Regelbetrieb vollautomatisch läuft, ist nach Betriebsvorschrift bei jedem Einstauvorgang ein Stauwärter zwingend vor Ort zu sein. Dadurch wird sichergestellt, dass auf eventuelle Betriebsstörungen, wie beispielsweise ein massiver Eintrag von Geschwemmsel und Treibgut, umgehend reagiert werden kann.

     

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Hauptamt
Hauptstraße 7
73262 Reichenbach an der Fils